Halsringreiten: Eine Lektion im Loslassen

Bestimmt hat jeder Pferdemensch schon mal davon geträumt, mit seinem Pferd ohne Sattel und Zaumzeug ganz frei und mit spielerischer Leichtigkeit über endlose Wiesen zu galoppieren. Filme wie „Ostwind“ greifen diese Sehnsucht auf oder auch „Der Herr der Ringe“: Wer wäre nicht fasziniert davon, wenn Zauberer Gandalf mit seinem Schimmel Schattenfell auf magische Art und Weise nur so dahinfliegt – zwei Wesen, die miteinander verschmelzen wie ein Zentaur.

Doch Filme, Magie und Fantasie sind das eine, in der Realität ist schon ein wenig Zeit, Arbeit und Übung vonnöten, um den Traum vom Reiten mit so wenigen Hilfsmitteln wie möglich zu verwirklichen. Und auch wenn es für manche wie ein Wunder wirkt – mit etwas Zeit- und Trainingsaufwand sollte es für die meisten Reiter möglich sein, ihr Pferd mit einem Halsring zu reiten.

„Einen guten Horseman erkennt man nicht an den Hilfsmitteln, die er benutzt, sondern an den Hilfsmitteln, die er nicht benutzt.“ (Pat Parelli)

Ob mit oder ohne Hilfsmittel, Reiten sollte immer eine harmonische Zusammenarbeit zwischen Pferd und Reiter sein. Welche Voraussetzungen sind dafür nötig? Als Reiter sollte man das Anfängerstadium hinter sich gelassen haben und einigermaßen sattelfest sein, über einen zügelunabhängigen, losgelassenen Sitz verfügen und dazu in der Lage sein, fein dosierte und klare Gewichts- und Schenkelhilfen einzusetzen. Das Gefühl für Balance und Timing ist hierbei wichtiger als Kraft oder sportliches Können – die meisten Reiter tendieren eher dazu, zu viel zu machen, in dem Glauben, dass sie das Pferd durch ihre Aktionen dazu bringen müssten, etwas zu tun. Eigentlich muss man dem Pferd aber nur verständlich machen, was man von ihm will, und dann das Pferd machen lassen – und dafür ist erstaunlich wenig Körpereinsatz vonnöten. Um klar zum Ausdruck zu bringen, was man möchte, sollte man wissen, was man tut, wann man es tut und vor allem, wann man damit aufhören sollte. Häufig merkt es der Mensch nämlich selbst gar nicht, dass er Signale sendet und welche das sind. Feine Hilfen sind aber nur dann möglich und umsetzbar, wenn das Pferd nicht permanent mit einer ungewollten Informationsflut überschüttet wird. Das heißt, solange das Pferd macht, was es soll, lässt man es einfach in Ruhe und tut gar nichts. Dazu gehört auch, dass man locker und unverkrampft sitzt und keine Muskeln anspannt, die in diesem Moment gar nicht notwendig sind. Als Reiter benötigt man eine gewisse Körperspannung im Rumpf, um aufrecht zu sitzen und mit den Bewegungen des Pferdes mitzugehen. Es bringt einem jedoch nichts, wenn man die Schultern hochzieht und einen Rundrücken macht oder wenn man die Beine wegstreckt und damit die eigene Hüfte blockiert – also immer schön locker bleiben und tief durchatmen. Nicht nur jede Muskelanspannung, auch unser Atemrhythmus ist eine Information für das Pferd, deshalb sollte beides bewusst und gezielt zum Einsatz kommen.

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„Das Geheimnis des guten Reitens ist, wenig zu tun. Je mehr du tust, desto weniger Erfolg wirst du haben.“ (Nuno Oliveira)

Je besser das Pferd ausgebildet ist, umso bessere Voraussetzungen bringt es für das Halsringreiten mit. Pferde, die es gewöhnt sind, über Sitz und Schenkel geritten zu werden, auch am losen Zügel ein gleichmäßiges Tempo beizubehalten und über das Anlegen des äußeren Zügels an den Hals, das sogenannte Neck Reining, gelenkt zu werden, bringen bereits gute Voraussetzungen mit. Westernreiter und -pferde sind hier etwas im Vorteil, aber auch in allen anderen Reitweisen gilt das Prinzip, dass ein Pferd hauptsächlich mit Gewicht und Schenkeln geritten werden sollte und nicht über die Hand. Je weniger und je feiner beim Reiten mit der üblichen Zäumung die Zügel zum Einsatz kommen, umso eher gelingt die Umstellung auf den Halsring. Stimmkommandos sind ebenfalls sehr hilfreich: Wenn das Pferd allein über den Sitz und die Stimme sicher durchpariert werden kann, ist das bereits eine sehr gute Grundlage fürs Halsringreiten. Last but not least sollte sich das Training immer am Charakter und am Temperament des Pferdes orientieren und von gegenseitigem Vertrauen und Respekt geprägt sein. Bei Pferden, die gerne mal ihren eigenen Kopf durchsetzen statt zu kooperieren, oder mit überängstlichen, nervösen Tieren kann es schon mal länger dauern, bis man einen gemeinsamen Nenner findet. Wenn Reiter und Pferd gut miteinander harmonieren, sollte aber auch das langfristig kein Problem sein. Im Grunde muss sich das Pferd unter dem Reiter genauso wohl fühlen wie in seiner Herde: losgelassen, im physischen und psychischen Gleichgewicht, wach und aufmerksam, aber trotzdem ruhig und gelassen.

Versammlung ohne Zügel – geht das überhaupt?

Ein Pferd mit einer ordentlichen Grundausbildung sollte gelernt haben, sich unter dem Reiter selbst zu tragen und seine Balance in einer natürlichen, freien Selbsthaltung zu finden. Leider sind viele Reiter – und auch viele Ausbilder und Richter – heutzutage nicht mehr in der Lage, eine reell erarbeitete Versammlung zu erkennen, geschweige denn diese zu lehren. Sieht man sich in den Reithallen landauf, landab um, bekommt man häufig Pferde zu Gesicht, die entweder mit Hilfszügeln verschnürt sind oder von ihren Reitern vorne mit viel Muskelkraft gehalten werden, während sie hinten mit permanentem Sporeneinsatz vorwärts getrieben werden. Vergleichbar mit einem Auto, bei dem gleichzeitig Gas gegeben und gebremst wird, ist hier früher Verschleiß vorprogrammiert – mit dem Unterschied, dass man das Auto damit nicht in die Verzweiflung oder in die Resignation treibt, wohl aber so manches Pferd. Pferde mit viel Temperament laufen gerne mal heiß, wenn sie von ihrem Reiter so unter Druck gesetzt werden, während phlegmatischere Naturen die widersprüchliche Hilfengebung zu ignorieren versuchen und mit der Zeit immer mehr abstumpfen.

„Versammlung heißt nicht Zusammenziehen.“ (Dominique Barbier)

Häufig wird die korrekte Haltung eines Pferdes alleine auf die Kopf-Hals-Position reduziert, weil diese auch für den Laien leicht zu erkennen ist und weil das Pferd vermeintlich schöner aussieht, wenn es mit eingerolltem Hals läuft als in einer natürlichen Haltung. Eine reell erarbeitete Versammlung hat mit der Kopf-Hals-Position des Pferdes jedoch relativ wenig zu tun. „Echte Versammlung bedeutet, die Hinterhand nach vorne zu reiten.“ (Anna Eichinger) – Das Becken des Pferdes wird dabei abgekippt, die Hanken gebeugt, der Rücken wölbt sich hoch und es kommt zu einer Anhebung des Brustkorbs und zu einer Aufrichtung der gesamten Oberlinie. Die korrekte Kopf-Hals-Position ergibt sich dabei ganz von selbst. Da die Hankenbeugung für das Pferd sehr anstrengend ist und viel Muskelkraft erfordert, setzt sie ein jahrelanges sorgfältiges Training der entsprechenden Muskulatur voraus. Daraus ergibt sich, dass echte Versammlung am losen Zügel ein langfristiges Ziel ist, auf das man einige Jahre hinarbeitet.

 

Schritt

Leider fehlt heutzutage vielen Reitern und Trainern die Geduld und die Zeit für eine korrekte Ausbildung, denn wenn ein Pferd mit drei Jahren verkaufsfertig sein soll, um bereits vierjährig auf Turnieren Schleifen zu gewinnen, ist eine reell erarbeitete Versammlung schon rein zeitlich nicht umsetzbar. Also werden die Pferde häufig viel zu früh in eine Schablone hineingepresst, die rein äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer versammelten Haltung hat. In Wahrheit erreicht man damit aber das genaue Gegenteil: Die aufgerollte, enge Kopf-Hals-Position, die man heutzutage oft im Dressursport zu sehen bekommt, hat zur Folge, dass das Pferd auf die Vorhand fällt und die Reiterhand als Stütze braucht, um im Gleichgewicht zu bleiben. Eine andere künstlich erzeugte Haltung, die mit echter Versammlung nichts zu tun hat, ist der hohe Headset, der den Show-Finos in Kolumbien und USA oft bereits zweieinhalbjährig antrainiert wird. Diese Haltung wird nicht durch eine Anhebung der Oberlinie erreicht, sondern durch eine Anspannung des Unterhalses, die bewirkt, dass das Pferd den Brustkorb fallen lässt und den Rücken wegdrückt. Ein effektives Untertreten der Hinterhand ist so nicht möglich. Das Pferd verspannt sich, macht sich im Rücken fest, der Gang verkürzt sich und die Schritte werden noch kürzer und trippeliger als sie es von Natur aus schon sind. Bedauerlicherweise landen derart verspannt laufende Pferde heutzutage in allen Disziplinen nicht selten auf den vorderen Plätzen, weil sie einen spektakulären Eindruck hinterlassen – mit einer biomechanisch korrekten Reitweise, die der Gesunderhaltung des Pferdes dient, hat das jedoch wenig zu tun. Pferde, die jahrelang auf diese Art und Weise geritten werden, haben oft einen auffallend schlecht bemuskelten, dachförmigen Rücken mit herausstehender Wirbelsäule. Und in letzter Konsequenz kann diese Art der Reiterei zu Gesundheitsschäden wie einem Senkrücken oder sogar zu Kissing Spines führen.

„There is something about riding on a prancing horse that makes you feel like something, even when you ain’t worth a thing” (Will Rogers)

„Anlehnung“ ist ein Punkt in der Ausbildungsskala, der häufig missverstanden wird. Das Pferd sollte sich nicht am Zügel „anlehnen“ respektive abstützen, sondern Kopf und Hals selbst tragen – idealerweise hat der Reiter nur das Gewicht der Zügel in der Hand. Daher bevorzugt man in der klassischen Reiterei inzwischen den Begriff „Zügelkontakt“, denn ein Pferd, das sich auf den Zügel legt, kommt aus der Balance und wird vorderlastig. Eine biomechanisch korrekte Aufrichtung steht in Relation zur Hankenbeugung und wird daher als „relative Aufrichtung“ bezeichnet. Das Pferd geht dabei im Gleichgewicht und trägt sich selbst. Das Gegenteil davon ist die absolute oder auch aktive Aufrichtung, die über die Einwirkung der Hand zustande kommt. Das Pferd wird dabei von vorne nach hinten geritten und nicht von hinten nach vorne, wie es korrekt wäre. Der Reiter hat relativ viel Gewicht in der Hand und muss das Pferd sehr stark „halten“. Und was hat das Ganze nun mit dem Halsringreiten zu tun? Ganz einfach: Beim Halsringreiten haben wir keine Zügel und kein Gebiss, auf dem sich das Pferd abstützen könnte. Denjenigen Pferden, die es während ihrer Ausbildung nie gelernt haben, in Selbsthaltung und über den Rücken zu laufen, fällt es beim Halsringreiten zunächst sehr schwer, eine natürliche Balance unter dem Reiter zu finden. Wenn die begrenzende Reiterhand wegfällt, kommen sie häufig aus dem Gleichgewicht und werden dann aufgrund ihrer Vorderlastigkeit immer schneller. Oder sie haben ihre antrainierte Kopf-Hals-Position bereits so verinnerlicht, dass sie sich sogar ohne Zügeleinwirkung nicht mehr trauen, Kopf und Hals fallenzulassen und in eine Dehnungshaltung zu kommen. Ausbildungsmängel dieser Art sollten zunächst korrigiert werden, denn mit einem Pferd, das nicht im körperlichen und geistigen Gleichgewicht ist, macht das Halsringreiten wenig Spaß.

Trab

Echte Versammlung auch mit Halsring zu erreiten, setzt voraus, dass man versammelnde Lektionen wie Übergänge, Schulterherein, ganze Paraden usw. bereits erarbeitet hat und sie auch mit Halsring nachreiten kann. Es gibt einige Könner, die das beherrschen; solch hehre Ziele zu verfolgen, ist aber gar nicht unbedingt notwendig. In erster Linie soll das Halsringreiten Spaß machen sowie die Harmonie und die Feinabstimmung zwischen Pferd und Reiter verbessern und nicht in Leistungsdruck und Stress ausarten. Wenn man es schafft, sein Pferd am Halsring in einer schönen Selbsthaltung oder in einer korrekten Dehnungshaltung zu reiten, darf man mit sich und dem Pferd zufrieden sein.

„Reiten ist kein Handwerk, sondern eine Kunst“, so Rudolf G. Binding, aber auch für die Kunst benötigen wir manchmal Handwerkszeug – in diesem Fall einen Halsring. Die üblichen Modelle sind meist aus kunststoffüberzogenem Lassoseil und zwar etwas steif, aber dafür umso klarer in ihrer Wirkung. Wem das auf Dauer zu scharf, zu hart oder zu sperrig ist, der kann später auch auf einen geflochtenen Ring oder auf einen aus festem, dickem Baumwollseil umsteigen. Die Standard-Halsringe verfügen über zwei Knoten, die man verschieben und somit die gewünschte Weite einstellen kann. Die Handhabung ist im Prinzip nicht schwierig. Zum Lenken wird der Ring mittig am Hals angesetzt, beim Halten liegt er etwas höher, in Wendungen reicht eine Drehung aus dem Handgelenk, um den Ring seitlich gegen den Hals zu drehen. Je weiter oben der Halsring angesetzt wird, umso vorsichtiger muss man als Reiter damit umgehen, denn ein grobes Ziehen kann im schlimmsten Fall zu Knorpelverletzungen im Bereich der Luftröhre führen. Der Halsring wird impulsartig eingesetzt, Dauerzug ist tabu – genauso wie bei den Zügeln heißt es annehmen und nachgeben. Um das Pferd langsam an die neue Signalgebung zu gewöhnen, kann der Halsring einfach mal eine Zeitlang zusätzlich zur normalen Zäumung verwendet werden. Anfangs nimmt man beides in die Hand und setzt es gleichzeitig ein, mit der Zeit lässt man dann die Zügel immer lockerer und geht dazu über, die Signale mehr und mehr über den Halsring zu geben. Spätestens jetzt macht man am besten in der Halle oder auf einem fest eingezäunten Reitplatz weiter. Die ersten paar Male ist es ideal, wenn man Platz oder Halle für sich alleine hat. Zum einen gefährdet man andere nicht unnötig, falls mal was schiefgeht, und zum anderen fällt es Pferd und Reiter umso leichter, sich aufeinander zu konzentrieren, je weniger Ablenkung vorhanden ist. Zunächst lässt man auch in der Halle oder auf dem Platz die gewohnte Zäumung drauf, damit man sicherheitshalber eingreifen kann, falls die Hilfen noch nicht wie gewünscht beim Pferd ankommen. Der Zügel liegt einfach locker auf dem Hals und kommt nur bei Bedarf zum Einsatz.

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„Verlange wenig, wiederhole oft, lobe viel!“ (Etienne Beudant)

Zu Anfang sollte man sich nicht zu viel vornehmen: Anreiten im Schritt, Durchparieren zum Halt und verschiedene Bahnfiguren im Schritt reichen erst mal, z.B. Zirkel, Volten, ein Slalom um Pylonen herum oder das Laufen durch Dual- oder Stangengassen. Die Nutzung von Hindernisstangen, Cavaletti oder Pylonen hilft nicht nur dem Reiter, sich auf eine Übung zu konzentrieren, sondern macht es auch dem Pferd leichter, zu begreifen, was wir von ihm wollen – außerdem arbeiten Pferde erfahrungsgemäß motivierter und freudiger mit, wenn sie einen Sinn in dem erkennen können, was wir von ihnen verlangen. Wenn’s gut klappt, das Pony immer feste loben und nach 10 Minuten aufhören – auch wenn alles super läuft und man am liebsten noch weitermachen würde. Beim Halsringreiten sind wir noch mehr als sonst auf den guten Willen und die Kooperationsbereitschaft unseres Pferdes angewiesen, deshalb sollte der Spaß an der ganzen Sache im Vordergrund stehen. Die Motivation zu erhalten, gelingt am besten, indem man viel lobt, immer wieder Pausen einlegt und das Pferd nicht mental überfordert. Halsringreiten ist zwar körperlich nicht allzu anstrengend, aber Pferd und Reiter müssen bei der Sache sein und sich mehr aufeinander konzentrieren als z.B. bei einem Bummel durchs Gelände. Deshalb sollte man immer dann aufhören, wenn es am schönsten ist und bevor das Pferd sich zu langweilen beginnt oder seine Konzentration nachlässt. Selbstverständlich wird das Pferd nicht zurechtgewiesen, wenn es nicht so reagiert, wie wir es gerne hätten. Eine unerwünschte Reaktion wird einfach ignoriert, die erwünschte Reaktion wird belohnt.

„Open your mind – turn loose“ (Ray Hunt)

In der zweiten Trainingseinheit kann man, wenn man es sich zutraut, schon mal die nächsthöhere Gangart ausprobieren, also Trab oder Tölt. Vielen Gangpferden, vor allem den eher trabveranlagten, fällt es anfangs schwer, mit Halsring zu tölten. Hier ist es wichtig, nichts erzwingen zu wollen, deshalb nehmen wir zunächst mal die Gangart, die das Pferd locker und losgelassen anbietet, sei es isochroner Viertakt, Trab, Trocha oder Passtölt. Sobald die Übergänge von einer Gangart zur anderen sowie das Durchparieren zum Halt gut klappen, das Pferd problemlos über Sitz- und Schenkelhilfen zu lenken ist und der Reiter genug Sicherheit und Vertrauen zum Pferd hat, ist es Zeit, das erste Mal das Zaumzeug abzunehmen und nur mit Halsring zu reiten. Bei dem einen mag das schon in der dritten Trainingseinheit der Fall sein, beim anderen vielleicht erst in der dreißigsten. Vielen Reitern fällt es sehr schwer, mental loszulassen, die vermeintliche Kontrolle über ihr Pferd aufzugeben und darauf zu vertrauen, dass das Pferd die neu gewonnene Freiheit nicht ausnützt. Solange vor dem inneren Auge Bilder von kopflos davonstürmenden Pferden vorbeiziehen, sollte man hier nichts überstürzen, denn Pferde sind Meister im Lesen solcher Bilder und reagieren darauf (später mehr dazu). Deshalb ist es wichtig, dass man sich selbst so viel Zeit gibt, wie man eben braucht, um sich sicher genug zu fühlen.

Trocha

„Nur wenn der Reiter einen klaren Gedanken fasst, kann das Pferd darauf reagieren“ (Richard Hinrichs)

Wenn wir erst einmal so weit sind, dass unser Pony mit Sitz, Schenkeln, Stimme und Halsring sicher im Viereck zu reiten ist, können wir daran arbeiten, unsere Hilfengebung immer weiter zu verfeinern. Es ist erstaunlich, wie wenig an Hilfen nötig ist, um z.B. einen perfekten Zirkel zu reiten: Irgendwann genügt eine ganz leichte Körperdrehung, um das Pferd zu biegen, und es reicht aus, die Zirkellinie nur zu denken oder mit den Augen zu verfolgen. Die Übergänge von einer Gangart zur anderen kann man reiten, indem man sich die gewünschte Gangart vorstellt und den passenden Rhythmus vorgibt. Oft genügt schon eine kleine Änderung der Körperspannung oder ein tiefes Ausatmen als Signal für das Pferd. Auch die Kraft der Visualisierung sollte man nicht unterschätzen; wem es schon einmal gelungen ist, ein perfektes Bild einer Lektion vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen, und erlebt hat, wie das Pferd dieses Bild aufgegriffen und umgesetzt hat, der wird davon verblüfft gewesen sein. Für Reiter, die so eine Erfahrung noch nie hatten, mag das etwas esoterisch klingen, aber es funktioniert. In vielen Reitweisen und von vielen bekannten Trainern werden Visualisierungen inzwischen erfolgreich im Unterricht eingesetzt, denn das gezielte Arbeiten mit inneren Bildern kann man lernen. Oft ist das Schwierigste dabei zunächst, den ewig vor sich hin mäandernden Gedankenstrom in unserem Kopf abzustellen. Wer schon einmal meditiert hat, weiß, wie schwer es ist, einmal gar nichts zu denken und zu wollen oder unerwünschte Gedanken auszublenden. Pferde sind nicht nur dazu in der Lage, uns zu spiegeln und unsere Gemütsverfassung in Sekundenbruchteilen zu erfassen, sondern unter Umständen setzen sie auch unsere Gedanken um – und zwar genau in dem Augenblick, in dem wir sie denken. Pferde leben im gegenwärtigen Moment, sie denken nicht in die Vergangenheit oder in die Zukunft, daher können sie mit dem Gedanken „Ich möchte in der zweiten Ecke der kurzen Seite angaloppieren“ wenig anfangen, sondern galoppieren dann häufig sofort an, weil bei ihnen nur unsere Idee vom Angaloppieren ankommt. Von unseren Pferden können wir viel lernen, wenn es darum geht, im Hier und Jetzt zu leben; je mehr wir uns darauf einlassen und je mehr wir unser eigenes Ego loslassen können, desto verbundener werden wir uns mit unserem Pferd fühlen und desto näher kommen wir uns selbst. Dieses Einssein mit dem Pferd bedeutet für viele Pferdemenschen das größte Glücksgefühl. Wenn man erst mal so weit fortgeschritten ist, dass man mit seinem Pferd ein eingespieltes Team bildet und das Reiten fast nur noch per Gedankenübertragung funktioniert, kann man auch noch eine Stufe weiter gehen und das Reiten ganz ohne Hilfsmittel ausprobieren. Wer auch noch auf den Halsring und den Sattel verzichten kann, darf zu Recht stolz auf sich sein und sich ein bisschen wie Zauberer Gandalf fühlen.

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„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

Beim Halsringreiten geht es in erster Linie nicht um die Show, es ist ein tolles Training, von dem Pferd und Reiter viel profitieren können, auch wenn es z.B. nur hin und wieder mal in den Unterricht eingebaut wird. Der Reiter lernt, seine Hilfengebung zu verfeinern und dem Pferd klare Signale zu übermitteln. Reiter, die dazu neigen, sich am Zügel festzuziehen, lernen ein Stück weit loszulassen und mit der Zeit die ständige Hand-Kontrolle über das Pferd aufzugeben. Die Pferde werden auf feine Hilfen sensibilisiert, lernen, auf ihren Reiter zu achten und sich selbst zu tragen. Zudem werden beim Halsringreiten gnadenlos Defizite in der Ausbildung offengelegt, denn es ist ein guter Test, um zu zeigen, ob das Pferd wirklich zur Mitarbeit motiviert ist und an den Hilfen steht. So mancher Dressurreiter würde sich wundern, wenn man ihm die Trense wegnähme. Beim Halsringreiten kann man nichts erzwingen, im Gegenteil, es geht darum, mit dem Partner Pferd zusammenzuarbeiten und zu einer immer feineren Form der Verständigung zu gelangen. Je mehr man dabei vom verstandesmäßigen Denken und Wollen wegkommt und sich auf das eigene Gefühl verlässt, umso eher erschließt sich einem diese neue Dimension des Reitens. Gerade die hochsensiblen Finos, die oft mit zu viel Druck schlecht klarkommen und sehr bemüht sind, ihrem Reiter immer alles recht zu machen, sind für diese feinfühlige Art des Reitens wie geschaffen.

„Feel it! A feel following a feel. There’s no pressure mentally or physically.” (Ray Hunt)

Genauso wie beim Reiten mit Zäumung kann man nicht erwarten, dass beim Reiten mit Halsring immer alles so rund läuft, wie man es gerne hätte. Es mag Tage geben, an denen alles wie am Schnürchen klappt und man sich mit dem Pferd quasi per Gedankenübertragung verständigen kann – und dann gibt es wieder Tage, an denen gar nichts funktionieren will. Bei mir selbst habe ich festgestellt, dass es meistens dann am besten läuft, wenn ich selbst entspannt und gut drauf bin, abschalten kann und keine große Erwartungshaltung habe. Sobald man sich verkrampft oder irgendetwas erzwingen will, geht meistens gar nichts mehr. Loslassen heißt die Devise – nicht nur den Zügel, sondern auch mental. Das alleine fällt schon nicht immer leicht – und dann gibt es auch noch den berühmten Vorführeffekt, der sich immer dann einstellt, wenn jemand zuschaut oder mit der Kamera dabei ist und man es besonders gut machen will. Ein Beispiel dafür war mein Halsring-Shooting mit Fotografin Yvi Tschischka: Die ersten 1o Minuten lief es hervorragend, dann merkte ich, dass mein Pferd so langsam keine Lust mehr hatte. Das habe ich zwar zur Kenntnis genommen, aber in dem Moment ignoriert, weil wir noch einmal das Angaloppieren aus dem Schritt im Bild festhalten wollten. Also bin ich angaloppiert, mein Pferd wurde schneller, ich wendete ab auf den Zirkel, mein Pferd wurde noch schneller, startete durch und rannte Richtung Stall, um kurz vor dem Zaun eine Vollbremsung hinzulegen. Diese Aktion hat mir einen unverhofften Adrenalinstoß verschafft und Corazon einen Rüffel von mir eingebracht, obwohl er eigentlich gar nichts dafür konnte – ich hätte die Signale meines Pferdes ernst nehmen und rechtzeitig aufhören sollen, Foto hin oder her. Zum Glück hatte Yvi schon vorher genug schöne Fotos geschossen, sodass wir auf die Bilder, auf denen ich mich mit leicht panischem Gesichtsausdruck rasant in die Kurve legte, gut verzichten konnten.

„The horse is a mirror to your soul … and sometimes you might not like what you see in the mirror.” (Buck Brannaman)

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Einer meiner allerersten Versuche, mit Halsring zu reiten, ging ähnlich schief: Vor etwa 20 Jahren war ich in Brasilien bei einer Mangalarga-Marchador-Züchterin zu Besuch und wir wollten für einen geplanten Artikel über diese Pferderasse ein Foto ohne Sattel und nur mit Halsring machen, um die Freundlichkeit und Umgänglichkeit der Mangalarga Marchadores im Allgemeinen und des gestütseigenen Deckhengsts im Besonderen zu demonstrieren. Damals war ich noch jung, sportlich und leichtsinnig, also schwang ich mich auf den Rücken von Ulano do Granito, wir legten ihm einen Führstrick um den Hals und ich versuchte erst einmal, ihn vom Grasfressen abzuhalten. Als er seinen Kopf endlich oben behielt, habe ich ihn wohl etwas zu heftig angetrieben, denn er lief schneller los als beabsichtigt und rannte mit mir hinter das Wohnhaus der Züchterin, wo ihr Hausmädchen die Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte. Ich konnte mich gerade noch ducken, um nicht an der Wäscheleine hängenzubleiben. Letzten Endes hat das Reiten ohne Sattel und Zaum dann doch noch ganz gut funktioniert (siehe Foto). Der Hengst wurde übrigens später nach Deutschland importiert und hatte hier großen Einfluss auf die Mangalarga-Marchador-Zucht. Aber ich schweife ab – worauf ich eigentlich hinauswollte: Bitte, bitte nicht so völlig unvorbereitet und mit einem fremden Pferd nachmachen! Sicherheit geht immer vor! Auch die gerne in sozialen Netzwerken geposteten Videos von Reitern, die mit ihren Pferden ohne alles im Gelände unterwegs sind, geben kein gutes Beispiel. Auch das ruhigste und gehorsamste Pferd kann mal einen schlechten Tag haben und sich so erschrecken, dass es durchgeht und möglicherweise einen Unfall verursacht. Für ein paar Likes auf Facebook sollte man keine Menschenleben riskieren – also bitte sicherheitshalber immer in einem eingezäunten Bereich üben, falls das Pferd sich doch mal selbstständig machen sollte. Die Fotos von mir und Corazon sind übrigens auch auf der Koppel entstanden, der E-Zaun wurde per Retusche entfernt, weil das auf einem Foto einfach besser aussieht – Photoshop (und Yvi) sei Dank.

„Reiten ist Suche nach Schönheit, Geradlinigkeit und Wahrheit.” (Nuno Oliveira)

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Der Vollständigkeit halber: Wer’s nachmachen will, tut das auf eigene Gefahr, also bitte seid vorsichtig und geht kein unnötiges Risiko ein! Inzwischen haben schon einige Finoreiter das Halsringreiten für sich entdeckt und es wäre schön, wenn sich noch ein paar mehr trauen würden, es mal auszuprobieren. Vielleicht gibt es ja „irgendwo da draußen“ auch schon einige, die bereits regelmäßig üben und sich mal outen möchten. Wer intensiver in die Materie einsteigen will, dem kann ich als Lesestoff „Reiten so frei wie möglich“ von Andrea und Markus Eschbach empfehlen, demnächst soll auch noch ein Buch von Nathalie Penquitt mit dem Titel „Feines Halsringreiten“ erscheinen. Wie man motivierende, klare und feine Hilfen gibt, erläutert Silke Hembes anschaulich in ihrem Buch „Der Weg zum guten Reiten“. Zum Thema „Innere Bilder“ hat mir das Buch „Jeder Gedanke ist eine Kraft“ von Nicole Künzel sehr gut gefallen. Auch in „Reiten in Balance“ von Bruno und Helga Podlech finden sich einige sehr gute Anregungen, die auf Gangpferde generell übertragbar sind – auch wenn es in dem Buch hauptsächlich um Islandpferde geht, schadet es nicht, mal über den Tellerrand zu blicken. Wer mit Pferden zu tun hat, lernt ja bekanntlich nie aus, denn „Ein Leben ist nicht lange genug, um alles über Pferde zu lernen.“ (Alfonso Aguilar)

Artikel von Birgit Bauer, Fotos von Yvi Tschischka